Es gibt Dinge in Sofia, die man nicht im Reiseführer findet, aber sofort versteht sobald man sie sieht. Eine davon ist das tägliche Ritual an den öffentlichen Mineralwasserbrunnen. Männer und Frauen, meistens ältere, stehen mit großen Plastikflaschen Schlange. Fünf Liter, zehn Liter, manchmal noch mehr. Sie füllen auf, nehmen mit, kommen am nächsten Tag wieder. Das ist kein touristisches Spektakel, sondern gelebter Alltag.
Wir sind auf diese Brunnen gestoßen, als wir durch das Zentrum gelaufen sind und uns wunderten, warum sich mitten auf dem Bürgersteig so viele Menschen mit Flaschen in der Hand versammelten. Die Antwort ist einfach: überall auf den Straßen und Plätzen Sofias finden sich Brunnen, die von unterirdischen Thermalquellen gespeist werden. Das Wasser kann problemlos getrunken werden, auch die Bulgaren füllen sich regelmäßig etwas ab.
Was hinter diesen Quellen steckt
Sofia ist eine der wenigen europäischen Hauptstädte, unter der tatsächlich Thermalwasser liegt. In Sofia wurden insgesamt 31 Vorkommen mit 75 Wasserquellen registriert. Mehr als 50 Prozent dieser Mineralressourcen weisen eine geringe Mineralisierung auf, was sie zum täglichen Trinken geeignet macht.
Das Wasser kommt warm aus dem Boden. Es ist alkalisch, schwach mineralisiert mit einem Salzgehalt von etwa 280 ml pro Liter, hyperthermal mit einer Temperatur von 46 Grad Celsius. Man merkt das sofort wenn man die Hand unter den Hahn hält. Es ist nicht heiß genug um sich zu verbrennen, aber deutlich wärmer als man es von einem Wasserhahn erwartet.
Die Geschichte dahinter
Das ist keine neue Entdeckung. An der Stelle im Zentrum von Sofia, wo seit der Römerzeit eine 46 Grad warme Thermalquelle entspringt, stand bereits seit mindestens dem 16. Jahrhundert ein öffentliches türkisches Bad, ein Hamam, das unmittelbar an eine Moschee grenzte. Die Banja-Baschi-Moschee, die heute noch steht, hat ihren Namen von diesem alten Bad. Banja-Baschi bedeutet so viel wie vor dem Bad.
Während der osmanischen Herrschaft wurden in Sofia an den zahlreichen Austrittsstellen der Mineralquellen Hamams errichtet. Die Stadt war also schon vor Jahrhunderten als Thermalort bekannt, lange bevor es Kurhotels und Wellness-Resorts gab.
1913 entstand das Zentrale Mineralbad, ein imposantes neobyzantinisches Gebäude mit großer Kuppel, das bis 1988 als öffentliches Schwimm- und Thermalbad diente. Seit 2015 beherbergt es das Museum der Geschichte von Sofia. Der Brunnen davor wird noch immer von heißem natürlichen Quellwasser gespeist.
Die Zapfstellen heute
Der bekannteste öffentliche Zugang zu den Thermalquellen befindet sich direkt neben dem ehemaligen Zentralbad, an der Exarch Josif Straße. Dort wurde 2002 ein dreieckiger Komplex mit 42 Wasserhähnen gebaut. Als Verzierung steht eine überdachte Apollon-Statue an einer Seite des Komplexes, da Apollon als Patron der Medizin und der Heilquellen der Stadt gilt und auch im Stadtwappen von Sofia vorkommt.
Die Quellen sind kostenlos zugänglich und man kann so viele Flaschen auffüllen wie man möchte. Es ist völlig normal, dass Einheimische 50 bis 100 Liter pro Besuch mitnehmen. Wer das erste Mal dort steht und sieht wie jemand eine Reihe von 10-Liter-Kanistern nacheinander auffüllt, ist kurz verwirrt. Nach fünf Minuten versteht man es.
Außer der Quelle am Zentralbad existieren Mineralquellen in den Stadtvierteln Owtscha Kupel, Knjaschewo, Gorna Banja, Bojana und Pantscharewo, deren Benutzung seit der Antike nachgewiesen ist. Sofia ist also nicht an einem Punkt mit Thermalwasser gesegnet, sondern flächendeckend.
Was man vor Ort erwartet
Ehrlich gesagt ist die Anlage an der Exarch Josif Straße nicht schön. Die Zapfstellen sind funktional, der Boden manchmal nass, Plastikflaschen liegen herum. Es ist interessant und ungewöhnlich, macht aber einen etwas ungepflegten Eindruck. Das ist kein gepflegter Touristenort, das ist ein Ort für die Einheimischen.
Das Wasser selbst ist gewöhnungsbedürftig. Es hat eine heilende Wirkung bei Leber-, Gallen-, Magen-, Nieren- und urologischen Erkrankungen sowie bei Herz-Kreislauf-Erkrankungen und entzündlichen Erkrankungen des Bewegungsapparates. Das klingt nach Heilsversprechen aus einem alten Kurprospekt, aber die Einheimischen glauben daran. Und sie kommen täglich.
Warum man trotzdem hingehen sollte
Nicht wegen des Wassers unbedingt. Sondern wegen dem, was man dabei beobachtet. Sofia ist eine Stadt die sich gerade neu erfindet, mit neuen Cafés, Street Art und einer wachsenden Tourismusszene. Und gleichzeitig stehen hier jeden Morgen dieselben Menschen mit denselben Kanistern an denselben Hähnen wie seit Jahrzehnten.
Das ist das echte Sofia. Nicht die Alexander Newski Kathedrale, nicht die Bars im Studentenviertel. Sondern der alte Mann mit dem Rollator der geduldig wartet bis er an der Reihe ist, seine fünf Liter heißes Thermalwasser abzufüllen und nach Hause zu tragen.
Wir haben auch einen Schluck getrunken. Das Wasser schmeckt leicht mineralisch, hat eine ungewohnte Wärme und ist alles andere als das was man aus einem normalen Wasserhahn kennt. Ob es uns geholfen hat, können wir nicht sagen. Aber wir sind am nächsten Tag nochmal hingegangen.




