Sveta Sofia, die Kirche die einer Stadt ihren Namen gab

Sveta Sofia
Sveta Sofia Plamen Agov • studiolemontree CC BY-SA 3.0

Wer die Alexander Newski Kathedrale besucht und danach einfach weiterzieht, verpasst ein Gebäude, das historisch deutlich bedeutsamer ist. Es steht keine 200 Meter entfernt, ist deutlich kleiner, deutlich unscheinbarer und wird von vielen Touristen schlicht übersehen. Das ist der Sveta Sofia Kirche gegenüber fast ein bisschen ungerecht.

Denn diese Kirche hat der Stadt ihren Namen gegeben. Sofia heißt Sofia wegen dieser Kirche. Das allein wäre schon ein Grund, einen Moment innezuhalten.

Wie alt ist alt

Die Kirche wurde in der ersten Hälfte des vierten Jahrhunderts gebaut, als Sofia noch eine römische Stadt und unter dem Namen Serdica bekannt war. Das bedeutet: Das Gebäude existiert seit rund 1.700 Jahren in irgendeiner Form. Zum Vergleich, die Alexander Newski Kathedrale nebenan wurde zwischen 1904 und 1912 fertiggestellt. Die ist jung dagegen.

Die Kirche wurde im sechsten Jahrhundert zur Zeit des byzantinischen Kaisers Justinian auf den Grundmauern von vier noch älteren christlichen Gotteshäusern aus dem vierten Jahrhundert erbaut. Das heutige Gebäude ist also bereits eine Überarbeitung. Darunter lagen ältere Kirchen. Darunter lag eine Nekropole. Darunter liegt die römische Stadt Serdica. Sofia ist in Schichten gebaut, und die Sveta Sofia Kirche steht direkt über einigen der tiefsten davon.

In einem Vorgängerbau des heutigen Gebäudes fand 342 das Konzil von Serdica statt, das von 170 Bischöfen aus Europa, Kleinasien und Afrika besucht wurde. Eine frühe christliche Weltkonferenz, sozusagen. An diesem Ort.

Wie die Stadt zu ihrem Namen kam

Im Jahr 1376 wurde die gesamte Stadt, die früher Sredets und noch früher Serdica hieß, nach dieser Kirche benannt.  Der Vorgang war nicht dramatisch. Die Kirche stand dort, die Menschen nannten die Gegend danach, und irgendwann setzte sich der Name für die ganze Stadt durch. Zwischen dem 14. und 16. Jahrhundert waren noch beide Namen in Gebrauch, doch ab dem 16. Jahrhundert wurde ausschließlich der Name Sofia verwendet.

Der Name selbst bedeutet übrigens nicht das, was viele denken. Die Kirche ist wie die Hagia Sophia in Konstantinopel der heiligen Weisheit geweiht, nicht einer Heiligen namens Sofia. Das ist ein verbreitetes Missverständnis, das sich hartnäckig hält.

Was die Kirche erlebt hat

Die Geschichte des Gebäudes ist keine ruhige. Die Kirche wurde mehrmals umgebaut und auch zweimal schwer beschädigt bei der Invasion der Goten und der Hunnen im sechsten Jahrhundert. Sie überlebte, wurde neu aufgebaut, und stand weiter.

Dann kamen die Osmanen. Die Kirche wurde zur Moschee umfunktioniert. Die Muslime verließen das Gotteshaus schließlich wegen eines als schlechtes Omen gewerteten Ereignisses, und lange Zeit stand das Gebäude leer. Nach der Befreiung von der osmanischen Fremdherrschaft 1878 wurde es zunächst als Lager genutzt. Kein ruhmreiches Kapitel in der Geschichte eines der ältesten Kirchengebäude Europas.

Danach kam die Restaurierung, dann die Rückwidmung als Kirche, dann weitere archäologische Untersuchungen. 2013 wurde die Kirche erneut restauriert und ist seitdem wieder für Gottesdienste und Besucher geöffnet.

Was man vor Ort sieht

Von außen ist die Kirche kompakt und schlicht. Rote Ziegelsteine, ein Turm, keine vergoldeten Kuppeln. Neben der monumentalen Nachbarin wirkt sie fast bescheiden. Das ist aber kein Mangel, das ist Alter. Fußbodenmosaiken mit frühchristlichen Pflanzen und Tiermotiven sind noch erhalten und ausgestellt. Die sind über 1.500 Jahre alt und liegen einfach da, unter Glas, zum Ansehen.

Der eigentliche Schatz liegt allerdings darunter. Unter der Kirche kann man eine kleine unterirdische Kirche aus dem vierten Jahrhundert und eine antike Nekropole besichtigen, die dem Christentum in der Region vorausgeht.  Das ist kein Museum im üblichen Sinne, das ist ein Zeitraum von Jahrtausenden, den man zu Fuß durchläuft.

Praktisches

Die Kirche ist täglich von 7 bis 18 Uhr geöffnet. Der Eintritt ist kostenlos. Für die Krypta mit dem unterirdischen Museum werden 6 Leva berechnet. Das ist wenig Geld für viel Geschichte.

Hinter der Kirche liegt das Grab des bulgarischen Schriftstellers Ivan Vazov. Unweit der Kirche wurde 1873 der Revolutionär Vasil Levski gehängt. Der Platz um die Kirche herum ist also kein neutrales Stadtgelände, sondern aufgeladen mit Erinnerungen, die Bulgarien bis heute beschäftigen.

Warum man hingeht

Die Sveta Sofia Kirche ist kein Ort für spektakuläre Fotos. Sie ist ein Ort, an dem man versteht, wie alt Europa wirklich ist. Während nebenan die vergoldeten Kuppeln der Alexander Newski Kathedrale die Blicke auf sich ziehen, steht hier ein Gebäude, das schon stand, als das europäische Mittelalter noch in weiter Ferne lag.

Wer Zeit hat, geht in beide Kirchen. Wer nur Zeit für eine hat, sollte sich ehrlich fragen, was ihn mehr interessiert. Das Spektakel oder die Geschichte.